Nächstes Treffen:
5. Dezember von 15 - 17 Uhr digital
Kontakt zu den Sprecherinnen:
Maike Nadar maike.nadar(at)uni-rostock.de
Mareike Niendorf niendorf(at)ash-berlin.eu
Die Fachgruppe Menschen- und Kinderrechte gründet sich in einer Zeit, in der viele heutesagen, die Ära der Menschenrechte sei vorbei. Es ist eine Zeit, in der die Politik immer unverfrorener versucht, menschenrechtliche Standards zu ignorieren, einzuschränken oder zu hintergehen.
Gleichzeitig spiegelt sich eine zunehmende Gewaltbereitschaft in aggressiver analoger und digitaler Hassrede sowie in wachsenden politischen Bündnissen gegen demokratische Errungenschaften wie etwa Geschlechtergerechtigkeit („anti gender“), Vielfalt und Inklusion („anti-woke“). Genau jetzt wollen wir mit der neuen Fachgruppe Menschen- und Kinderrechte und der Gründungstagung an der Hochschule Düsseldorf Selbstbewusstsein zeigen, und uns nicht verschrecken oder einschüchtern lassen: deswegen auch der durchaus störrische Titel: Jetzt erst Recht und mehr denn je!
Menschenrechte sind ein wichtiger Maßstab für Forschung, Theorie und Praxis Sozialer Arbeit – einer Profession, die häufig mit Menschen arbeitet, die in besonderem Maße gefährdet sind oder in ihren Menschenrechten verletzt werden. Die neue Fachgruppe soll dazu beitragen, über Handlungsfelder und Themenschwerpunkte hinweg eine konsequente menschenrechtliche Perspektive einzunehmen und praxisorientierte, forschungs- sowie lehrbezogene Fragestellungen Sozialer Arbeit explizit menschenrechtsorientiert zu bearbeiten.
Mit mehr als 20 aktiv Beitragenden und ebenso vielen Teilnehmer:innen versammelte die Gründungstagung Wissenschaftler:innen, Aktivist:innen, Künstler:innen sowie Menschen in der Qualifizierungsphase für Master- und Doktorarbeiten. Nach einem Grußwort von Anne van Rießen, Vorstandsmitglied der DGSA und Forschungsdekanin der Hochschule Düsseldorf, eröffnete Beate Rudolf, Direktorin des Deutschen Instituts für Menschenrechte, mit ihrer Keynote die Tagung. Sie betonte die wichtige Rolle der Sozialen Arbeit, um Kinder- und Menschenrechte im Alltag erlebbar zu machen. Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession stärke die Demokratie und schütze in manchen Bereichen wie etwa im Bereich der Rechte von transidenten oder geflüchteten Menschen auch vor der „Tyrannei“ der Mehrheit.
Nach der anschließenden Vorstellung des Kinderrechte-Portals des Netzwerks Kinderrechte (National Coalition), einer Plattform, die Basiswissen zu Kinderrechten und Menschenrechtsbildung gezielt an einem Ort bündelt, standen die Posterpräsentationen der empirischen und theoretischen Vorhaben von Wissenschaftler:innen in der Qualifizierungsphase im Zentrum. Vorgestellt und diskutiert wurden vielfältige aktuelle Themen unter menschen- und kinderrechtlichen Gesichtspunkten beispielsweise partizipative Schutzkonzepte, Fachkräftemangel, die Situation von Careleaver:innen, soziale Medien oder die Zusammenarbeit mit Rechtsanwält:innen in der Sozialen Arbeit.
Theresia Wintergerst von der TH Würzburg-Schweinfurt übernahm die anspruchsvolle Aufgabe, zentrale Diskussionspunkte und Reflexionen des ersten Tages zusammenzutragen. Sie betonte, dass die Soziale Arbeit „in den Bauch der Gesellschaft“ schauen könne, und so zu einer „Universalisierung von unten“ beitrage.
Thematisch stand am zweiten Tag Beteiligung als Kinderrecht im Mittelpunkt, eingeführt durch den Vortrag von Katja Neuhoff und Walter Eberlei, Leiter:innen der Forschungsstelle Menschenrechtspraxis an der Hochschule Düsseldorf. Ausgehend von der Diagnose, dass 35 Jahre nach Inkrafttreten der UN-KRK das Recht auf Beteiligung zwar gesellschaftlich breit anerkannt und im nationalen Recht verankert ist, analysierten sie Faktoren, die eine wirksame Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in der Praxis behindern. Ihr Fazit: Die Umsetzung der Beteiligungsrechte ist bei weitem nicht am Ziel. Es fehlt an einer dezidierten kinderrechtsbasierten Haltung und einem konsequenten politischen Einmischen für Kinderrechte.
Den Abschluss des zweiten Tages bildete das Barcamp, in dessen Rahmen sich drei thematische Gruppen fanden, die über mögliche Ziele, Themen, Arbeitsschwerpunkte und Methoden der neuen Fachgruppe berieten. Die Ergebnisse wurden gesammelt, visualisiert undbilden nun einen ersten Impuls für den weiteren Findungsprozess und die zukünftige Arbeit der Fachgruppe.
Insgesamt war unter den Teilnehmer:innen der Gründungstagung trotz beunruhigender Zeiten und vielfältiger Herausforderungen und Angriffe auf die Menschenrechte eine Aufbruchstimmung spürbar: Jetzt erst Recht und mehr denn je braucht es Slbstbewusstsein und das gemeinsame Engagement für Menschenrechte: alle Interessierten sind herzlich zur Mitarbeit eingeladen!
Claudia Lohrenscheit, Maike Nadar, Katja Neuhoff, Mareike Niendorf