Prof.'in Dr.'in Walburga Hoff
Prof. Dr. Matthias Nauerth
Nanthiny Rajamannan, M.A.
Goethe-Universität Frankfurt
Fachbereich 03: Gesellschaftswissenschaften
Mail: rajamannan(at)em.uni-frankfurt.de
Kai Heermann, M.A.
Universität Vechta
Fakultät I: Studienfach Soziale Arbeit
Mail: kai.heermann(at)uni-vechta.de
Prof.'in Dr.'in Walburga Hoff
Universität Vechta
Fakultät I: Studienfach Soziale Arbeit
Fon: [+49] 4441/15-503; Sekr. -299
Mail: walburga.hoff(at)uni-vechta.de
Prof. Dr. Matthias Nauerth
Evangelische Hochschule Hamburg
Fon: [+49]40/65591-226
Bei Interesse an Informationen und Einladungen der Sektion können Sie uns über folgende E-Mail Adresse kontaktieren: fachgruppe.religion(at)uni-vechta.de
Das zwischen Religion und dem „Einsatz für den Nächsten“ ein unmittelbarer Zusammenhang besteht, belegen alle Weltreligionen. Dementsprechend kann die Entwicklung der Armenfürsorge und Wohlfahrtspflege sowie die Herausbildung des Wohlfahrtsstaates – insbesondere im europäischen Kontext – nicht ohne einen engen Bezug zur christlich-jüdischen Religion betrachtet werden.
Im Gegensatz dazu hat Soziale Arbeit Religion und das Religiöse seit der einsetzenden Verberuflichung im beginnenden 20. Jahrhundert lange Zeit auf Abstand gehalten. Galt es doch, sich als junge aufstrebende Profession von den religiösen Traditionen des sozialen Engagements der Kirchen und religiösen Glaubensgemeinschaften zu emanzipieren. Die damit vollzogene Abstinenz gegenüber der Religion spiegelt sich bis heute in der Disziplin und Profession Sozialer Arbeit wider.
Im Unterschied dazu ist die professionelle Praxis seit einiger Zeit – auch im Kontext einer wachsenden Migrationsgesellschaft – mit religiösen Fragestellungen erneut konfrontiert. Dieses Phänomen lässt sich vor dem Hintergrund beobachten, bei dem sich das Religiöse in der modernen Gesellschaft keinesfalls auflöst – wie die Säkularisierungsthese dies lange Zeit propagiert hat – sondern vielmehr in verwandelter Form präsent bleibt, deutlich pluraler wird und in gewisser Hinsicht eine Renaissance erlebt. In diesem Kontext hat sich in der Sozialen Arbeit in den letzten Jahren eine Debatte um Religionssensibilität herausgebildet, um der Tatsache der Religion in professioneller Hinsicht angemessen Rechnung zu tragen. Ergänzt wird dieser Diskurs in jüngster Zeit durch die grundsätzliche Frage nach dem Ort der Religion in den Theorien und Konzepten der Disziplin und Profession.
Intention und Anspruch der Fachgruppe ist es, zum einen die dabei entstandenen wissenschaftlichen Netzwerke zu stabilisieren sowie die laufenden Diskurse der beteiligten Wissenschaftler*innen weiterzuführen. Zum anderen rückt dabei die Auseinandersetzung um die Pluralisierung der Religion bzw. die religiöse Vielfalt und die damit verknüpften Herausforderungen in den Mittelpunkt, die sich Sozialer Arbeit in der Gegenwartsgesellschaft stellen. Daneben steht aber auch die institutionelle Ebene der Verknüpfung von Religion und Sozialer Arbeit zu Debatte, da sich ein großer Teil sozialer Dienstleistungen in der Trägerschaft der Kirchen und der konfessionellen Wohlfahrtsverbände befindet und damit religiöse Wertorientierungen zwangsläufig thematisch werden.
Digitales Treffen der Fachgruppe: 04.05.2026 (17:30 - 20:30 Uhr)
Präsenztreffen in Potsdam: 30.10.2026
Am 29. Oktober 2024 fand die Kick-Off-Veranstaltung der neu gegründeten Fachgruppe „Religion und Soziale Arbeit“ in der DGSA statt. An dem ersten offiziellen Treffen der Fachgruppe nahmen 28 Personen teil, die ein großes Interesse daran zeigten, an der Entwicklung und Etablierung der Fachgruppe mitzuwirken.
Im Vordergrund der Kick-Off-Veranstaltung stand der Austausch über das Selbstverständnis der Fachgruppe und deren Ziele, der zunächst in Kleingruppen erfolgte. Die Ergebnisse dienten als Basis für die anschließende Verständigung, bei der u. a. die verschiedenen Themenfelder formuliert wurden, denen sich die Fachgruppe in Zukunft widmen möchte. Hierzu zählen insbesondere professions- und disziplinbezogene Fragestellungen wie etwa Fragen nach dem Zusammenhang von Religion und Profession, dem systematischen Ort der Religion in der Sozialen Arbeit einschließlich einer Klärung des Religionsbegriffs sowie Fragen nach methodologischen und methodischen Zugängen zur Religion und zum Religiösen. Darüber hinaus wurden die Rolle konfessioneller Hochschulen bei der Vermittlung religionssensibler Kompetenzen, die Förderung der Sichtbarkeit des Themenkomplexes „Religion und Soziale Arbeit“ inner- und außerhalb der DGSA, der Austausch über laufende Forschungs- und Praxisprojekte sowie eine stärkere Vernetzung in Wissenschaft und Praxis als weitere relevante Themenfelder der Fachgruppe definiert.
Neben dem inhaltlichen Austausch stand auch die formale Konstituierung der Fachgruppe auf der Tagesordnung: Prof. Dr. Walburga Hoff (Universität Vechta) und Prof. Dr. Matthias Nauerth (Evangelische Hochschule Hamburg) wurden für die kommissarische Koordination der Fachgruppe gewählt. Beide Mitglieder übernehmen diese Aufgabe interimsweise bis zum nächsten Treffen der Fachgruppe mit dem Auftrag, eine Geschäftsordnung zu entwickeln. Beim nächsten Treffen sollen dann die offiziellen Sprecher*innen gewählt werden. Nanthiny Rajamannan (Goethe-Universität Frankfurt/Main) wurde für die Aufgabe der Öffentlichkeitsarbeit gewählt.
Zuletzt ging es um Organisatorisches wie die Einrichtung einer einschlägigen digitalen Datenbank, die Terminierung der nächsten Mitgliederversammlung im Frühjahr 2025 sowie die Fachtagung im November 2025 in Hamburg zum Thema „Profession und Religion“, die von Prof. Dr. Matthias Nauerth, Prof. Dr. Walburga Hoff und Prof. Dr. Stefanie Duttweiler vorbereitet wird.
Das erste Treffen der Fachgruppe „Religion und Soziale Arbeit“ war ein gelungenes und produktives Kick-Off, mit dem wesentliche Bausteine für die weitere Arbeit der Fachgruppe gelegt werden konnten. Die rege Teilnahme der Interessierten spiegelt nicht nur die große Resonanz, die das Thema „Religion und Soziale Arbeit“ bei den Mitgliedern hervorgerufen hat, sondern verweist zugleich auf die Aktualität dieses Themenbereichs. Die neu gegründete Fachgruppe blickt mit Spannung auf ihre zukünftige Arbeit und hofft, mit der Institutionalisierung ein Netzwerk ins Leben gerufen zu haben, das sowohl den über lange Zeit vernachlässigten Austausch über Religion und Sozialer Arbeit im deutschsprachigen Raum fördern als auch zu entsprechenden Forschungsarbeiten anregen kann.
Religion und Professionalität. (Neue) Herausforderung für die Soziale Arbeit – Jahrestagung der Fachgruppe „Religion und Soziale Arbeit“ in Hamburg am 14.11.2025
Lange Zeit ist man wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass Religion in der Moderne kontinuierlich zurückgeht. Der sogenannten Säkularisierungsthese stellen sich jedoch seit einigen Jahren konträre Phänomene entgegen: So spielt Religion für die private Lebensführung in der säkularen Welt nach wie vor eine Rolle, auch wenn die Bedeutung christlicher Kirchen merklich abnimmt. Darüber hinaus wird Religion in der Öffentlichkeit und Politik – u. a. bedingt durch Migrationsbewegungen und Religionskonflikte – zunehmend sichtbar. Einzelne Stimmen sprechen sogar von einer „Wiederkehr der Religion und des Religiösen“, die sich inmitten einer allgemeinen Pluralisierung der Weltanschauungen vollziehe. An die Stelle kollektiv geteilter und allgemein geltender Glaubensvorstellungen und Wertbindungen, die kaum mehr durch eine gemeinschaftliche Praxis legitimiert werden, treten dabei plurale Sinnkonzeptionen, die Menschen in ihrem Anspruch auf Selbstverwirklichung und eine authentische Lebensführung individuell entwerfen.
Die gegenwärtige Vervielfältigung des Religiösen, bei der sich Religion keinesfalls auflöst, sondern weiterhin präsent bleibt und deutlich pluraler wird, stellt Soziale Arbeit vor gänzlich neue Herausforderungen. Gilt es doch säkulare und religiöse Sinngebungsmuster als wesentliches Element individueller Lebenswelten zu verstehen. Zugleich schließt der Auftrag Sozialer Arbeit als stellvertretende Bewältigung sozialer Krisen der Lebenspraxis immer auch die Dimension der Sinnfrage mit ein.
Diesem Wandel der Erscheinungsform der Religion und des Religiösen widmete sich die Jahrestagung der Fachgruppe „Religion und Soziale Arbeit“, die am 14. November 2025 an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie in Hamburg stattgefunden hat. Im Mittelpunkt der Veranstaltung rückte das weitgehend ungeklärte Verhältnis von Religion und Professionalität, dem in einem Dialog von Wissenschaft und Praxis begegnet wurde. Ziel war es zu klären, wie einer religionssensiblen Sozialen Arbeit in der Praxis konkret Rechnung getragen werden kann. Ebenso galt es zu erörtern, ob und inwieweit Religion für die Entwicklung von Professionalität von Bedeutung ist.
Bei der Eröffnung der Tagung unterstrich Walburga Hoff zunächst die enge und äußerst spannungsreiche Verbindung, die zwischen Religion und Sozialer Arbeit bestehe. Bereits bei der einsetzenden Verberuflichung zu Beginn des 20. Jahrhundert habe sich Soziale Arbeit, deren Anfänge in den christlichen Kirchen verwurzelt sind, mehr oder minder erfolgreich von den „Rockschößen der Religion“ befreit. Diese Loslösung habe sich mit der Akademisierung in den 1970er Jahren vervollständigt, indem sich Soziale Arbeit seither grundsätzlich auf die Wissenschaft und die säkulare Vernunft beziehe. In diesem Zusammenhang erweise sich Religion für den Professionalisierungsprozess bislang als problematisch, da sie sich außerhalb dieses Diskurses bewege und Voraussetzungen ins Spiel bringe, auf die sich nur gläubige Menschen berufen könnten.
In anschließenden Vortrag, der sich dem Religionsbegriff widmete, beleuchtete Hans Joas die Beziehung von Religion und Moderne und unterzog die Säkularisierungsthese einer Kritik. Zugleich skizzierte er eine Definition von Religion, für die die „Erfahrung der Selbsttranszendenz“ bezeichnend ist. Selbsttranszendenz beinhalte in diesem Zusammenhang ein „Ergriffensein von etwas, das sich jenseits der eigenen Person“ befinde wie beispielsweise radikale Mitleidserfahrungen oder die Faszination für die Natur. Mit diesem Erklärungssatz stellte Joas eine Konzeption von Religion zur Verfügung, die dem religiösen Pluralismus Rechnung trägt und demnach für die Soziale Arbeit aufschlussreiche Perspektiven eröffnet. Dem Verhältnis von Religion und Professionalität näherte sich Roland Becker Lenz aus einer professionssoziologischen Betrachtungsweise, um die Wertbindungen professionellen Handelns zu untersuchen. Dazu diente ihm ein Vergleich, bei der er die berufsethischen Grundlagen Sozialer Arbeit als Profession im säkularen Kontext und jene von Pfarrer*innen als religiöser Profession kontrastierend gegenüberstellte. Auch wenn beide Berufsgruppen der Professionsethik als universaler Wertorientierung verpflichtet sind, erweitere sich diese beim Pfarramt durch eine partikulare religiöse Ethik der Lebensführung. Aus diesem Blickwinkel wird die Frage aufgeworfen, inwieweit säkulare und religiöse Sinndeutungsmuster auch eine Ressource professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit sein können.
Neben dem wissenschaftlichen Diskurs nahm der Austausch von Praxisvertreter*innen einen breiten Raum auf der Tagung ein: In thematisch unterschiedlichen Workshops wurde gezeigt, wie Religionssensibilität in der Praxis eine Umsetzung erfährt. Das Themenspektrum reichte von der Kultursensibilität an Schulen, der religionssensiblen Kulturgestaltung in karitativen Handlungsfeldern über Konzepte diakonischer Kulturförderung sowie der „Best-Practice- und Worst-Pratice-Beispiele in der religions(un)sensiblen Sozialen Arbeit bis hin zur Religionssensibilität in der Telefonseelsorge. Ergänzt wurden diese Angebote durch zwei Forschungsworkshops, in denen laufende Forschungsprojekte vorgestellt wurden, die u. a. den Phänomenen, Folgen und Herausforderungen religiöser Pluralität in der Sozialen Arbeit nachgehen. Wesentliche Impulse für die Debatte lieferten auch die beiden Podiumsdiskussionen: Lehrende an katholischen und evangelischen Hochschulen sowie Vertreter*innen islamisch und jüdisch ausgerichteter Studiengänge Sozialer Arbeit diskutierten über die Integration von Religion in das Hochschulstudium sowie über sich damit öffnende Bildungschancen. Betont wurde dabei die Möglichkeit, nicht nur religiöse und säkulare Haltungen mit akademischem Wissen zu verbinden, sondern auch die Chance, einen Raum für einen interreligiösen Dialog an den Hochschulen zu schaffen. Daneben debattierten Vertreter*innen von Trägern und Wohlfahrtsverbänden über Formen und Ansätze einer religiös inspirierten Unternehmenskultur.
Insgesamt wurde mit der Tagung, die Matthias Nauerth (Hamburg), Walburga Hoff (Vechta) und Stefanie Duttweiler (Bern) organisiert hatten und bei der Axel Bohmeyer als Moderator mitwirkte, ein wichtiger Diskursraum eröffnet. Dieser hat wesentlich dazu beigetragen, die Kategorie der Religion, der bislang lediglich ein Nischenraum in der Sozialen Arbeit zugebilligt worden ist, als spezifischen Bezugspunkt der Disziplin und der Profession sichtbar zu machen. Mit einer solchen Bewusstwerdung geht zugleich die zukünftige Aufgabe einher, die religiöse Pluralisierung sowie den Umgang mit dieser Differenz als unverzichtbare Voraussetzung professionellen Handelns genauer in den Blick zu nehmen.
Walburga Hoff
veranstaltet von Prof. Dr. Walburga Hoff (Universität Vechta) und Prof. Dr. Stefanie Duttweiler (Fachhochschule Bern) an der Universität Vechta:
https://www.uni-vechta.de/soziale-arbeit/mitglieder-soziale-arbeit/hoff/religionstagung/programm
veranstaltet von Prof. Dr. Walburga Hoff (UniversitätVechta), Prof. Dr. Stefanie Duttweiler (Fachhochschule Bern und Prof. Dr. Matthias Nauerth (Evanglische Hochschule Hamburg) in Berlin: www.mynewsdesk.com/de/universitaet-vechta/pressreleases/religion-und-soziale-arbeit-zusammen-denken-positionen-fragestellungen-dialog-eine-tagung-in-berlin-3303932